Prolog
Endlich waren die Schreie verstummt.
Wäre er vor wenigen Tagen gefragt worden, ob er sich jemals vorstellen könne, Erleichterung beim Tode seiner Familie zu empfinden, so hätte Daniel den Fragesteller vermutlich für verrückt erklärt. Aber er war erleichtert. Selbst sein Zorn, die Hilflosigkeit und die Rachegelüste, die er empfand, konnten das Gefühl der Erleichterung nicht überwiegen. Ihre unmenschliche Qual hatte ein Ende gefunden. Nicht einmal die unausweichliche Tatsache, dass ihm in wenigen Augenblicken das Selbe widerfahren würde, konnte das Gefühl der Erleichterung nicht überwiegen.
Als die Hinrichtung begann, blickte er in die tränenerfüllten, panisch um ihr Leben flehenden Augen seiner Frau. Anna und seine Tochter Agnes waren jeweils an einen Holzpfahl gebunden und ihm gegenüber aufgestellt. Zu ihren Füßen waren trockene Holzscheite aufgestapelt. Die Menge johlte, während Agnes vor Todesangst wimmerte. Mit den Lippen formte er an seine Tochter gerichtet die Worte: „Hab keine Angst mein Schatz. Es wird alles gut. Sobald es vorbei ist, werden wir uns im Jenseits wieder sehen“. Sie reagierte nicht. Völlig apathisch fixierte sie einen Punkt, der sich scheinbar ein paar Meter von ihr entfernt am Boden befand. Ihr langes, von Schweiß und Tränen durchnässtes Haar hing ihr wie ein Mahnmal der Erschöpfung ins Gesicht.
Ein Priester der heiligen Inquisition betrat den Schauplatz. Er platzierte sich an Daniel gewandt in der Mitte des Dreiecks, das die drei Scheiterhaufen bildeten. Plötzlich herrschte Totenstille.
„Wollt ihr ein letztes Mal Beichte ablegen, bevor ihr dem Schöpfer gegenübertretet?“
Daniel schloss die Augen und atmete tief ein. Ihm war bewusst, dass er nichts mehr tun oder sagen konnte, um seiner Familie die Qualen des bevorstehenden Feuertodes zu ersparen. Auf einen Akt der Gnade in Form einer vorherigen Enthauptung wagte er nicht mehr zu hoffen. Das Urteil, das über ihn verhängt wurde war unmisverständlich: Er sollte seine Liebsten brennen sehen, bevor die Fackel des Scharfrichters seinen eigenen Scheiterhaufen anstecken würde.
Allerdings konnte ihr Leiden auch kaum noch verschlimmert werden. In diesem Bewusstsein öffnete er die Augen.
„Richard! Du gottloser Feigling! Ich kann dich nicht sehen, aber ich weiss, dass du hier bist!“ brüllte er mit Leibeskräften. Der Teil des Pöbels, der sich unmittelbar hinter ihm befand, wich aufgeschreckt gesammelt ein paar Schritte zurück.
Daniel versuchte krampfhaft seine hinter dem Rücken an den Pfahl gefesselten Hände zu befreien, um den Mann, der ihn und seine Familie der Ketzerei bezichtigte das anzutun, was ein Mann einem anderen mit bloßen Händen anzutun vermochte. Aber natürlich brachte das nichts. Die Schlinge zog sich nur noch fester um seine Handgelenke, so dass ihm das Seil mit jeder Bewegung tiefer ins Fleisch schnitt. Aber das spürte er nicht. Schmerzen spürte er schon lange nicht mehr. Die einzigen Empfindungen, die ihn so kurz vor seinem Tode noch beherrschten waren Schuld und Hass.
„Du Schweinehund wirst deine gerechte Strafe noch erfahren! Irgendjemand wird dein verlogenes, intrigantes Antlitz durchschauen und dir an meiner Stelle dein falsches Herz heraus…“. Der Schlag in die Magengegend mit dem unteren, stumpfen Ende der Fackel des Scharfrichters, der zu seiner Linken stand, ließ ihn abrupt mit einem erstickten Laut verstummen. Nach Luft ringend keuchte er mit nach vorne gebeugtem Haupt, während der Priester den Henker mit einer Kopfbewegung anwies, mit der Exekution zu beginnen.
Während der Henker mit der Fackel in der Hand auf seine Frau zuging, begann der Pöbel, der sich kreisförmig um den Schauplatz aufgestellt hatte, wieder sein Gejohle aufzunehmen. Einige verkündeten lautstark, dass die Hexen endlich brennen sollten. Andere spuckten ihm und seinen beiden Angehörigen von hinten auf Nacken, Kopf und Rücken. Der Rest warf mit faulem Gemüse nach ihnen und feuerte den Scharfrichter an. Als das flehende Klagen seiner Frau begann, während der Scharfrichter im Begriff war ihren Scheiterhaufen anzustecken, schloss wieder Daniel die Augen. Er wusste nicht, ob man Erinnerungen mit ins Jenseits nehmen konnte. Sollte dies der Fall sein, so wollte er seine Familie lebend und unversehrt in Erinnerung behalten.
Dann begannen die Schreie. Markerschütternd und alles andere übertönend schrie Anna aus voller Lunge, als die Flammen begannen an ihren Füßen zu zehren. Kurz darauf stimmte seine Tochter Agnes mit ein, die zusammen mit ihrer Mutter ein makabres Duett des Grauens bildete. Es war unerträglich mit anzuhören, wie diejenigen, die er so sehr liebte, einen langsamen und qualvollen Tod starben. Tränen krochen unter seinen geschlossen Augenlidern hervor.
Er hatte sich geirrt. Er konnte sehr wohl noch Schmerzen fühlen. Diese Art jedoch, war schlimmer als alles andere, was er in seinem Leben an Schmerzen je ertragen musste. Selbst die peinliche Befragung, mitsamt ihrer Daumenschrauben und dem spanischen Stiefel, unter dessen Qualen er letztendlich geständig wurde, waren nur wie kleine Nadelstiche verglichen mit dem Schmerz den er jetzt empfand, als sich die gequälten Schreie in seinen Kopf fraßen.
Er fragte sich, wie es nur so weit kommen konnte. Aber im Nachhinein betrachtet, war ihm das völlig klar. Und so begann auch er zu brennen. Und während die Flammen langsam, gierig und unaufhaltsam an seinem Körper empor krochen, vergaß er nach und nach seine Angehörigen. Stück für Stück verließen ihn Trauer, Angst und Hilflosigkeit. Übrig blieb nur Hass. Grenzen- und zügelloser Hass auf diejenigen, die ihn hintergangen hatten. Hass war das Letzte was er empfand, bevor seine Seele langsam aus ihm wich.