Taheen schreibt

Januar 9, 2008

Kapitel I – Erwachen (11 – Der Letzte Tag II)

Gespeichert unter: Kapitel 1, Roman — taheen @ 8:55
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11 – Der Letzte Tag II

 

Nach einer guten halben Stunde hatte Andy sich wieder gefangen. Er startete einen zweiten Versuch den Fernseher anzuschalten, was diesmal auch ohne weitere Schäden gelang. Er setzte sich auf die Couch und liess sich die nächsten drei Stunden von seichter TV Unterhaltung berieseln.
  Plötzlich klingelte es an der Tür.
  Boris. Jetzt schon?
  Er erhob sich, schritt zur Wohnungstür und öffnete sie. Vor ihm stand Mr. Wright.
  „Mr. Warhol, ich habe sie gewarnt.“ Andy fragte sich, was denn nun wieder kommen würde.
  „Wie meinen sie d…“
  „Ich habe sie gewarnt, Mr. Warhol. Und ich bin niemand, der leere Warnungen ausspricht.“ Andy schwor sich, dass er dem nächsten, der ihm heute ins Wort fallen sollte, ohne Vorwarnung eine verpassen würde. „Heute Nacht um drei Uhr wurde ich von vier – hören sie? – von vier Mietern angerufen. Alle sagten, sie würden in ihrer Wohnung herumbrüllen wie ein Wahnsinniger. Drei der Mieter hatten bei ihnen geklopft und geklingelt, aber sie haben nicht aufgemacht, sondern weitergebrüllt.“ Andy wurde schwindlig. Er wusste was nun folgen würde. Und vorallem: Er wusste, dass der alte Mann recht hatte.
  „Mr. Wright, bitte lassen sie mich das erklären.“ flehte er.
  „Nein, keine Erklärungen. Ich habe sie gewarnt. In vier Tagen sind sie heraus aus dieser Wohnung, oder sie lernen mich von einer anderen Seite kennen!“ drohte sein Vermieter.
  „Mr. Wright, bitte. Ich habe schlecht geträumt.“ Andy dachte, er müsse jeden Moment umkippen.
  Mit einer leisen Stimme sagte sein Vermieter nachdem er einen langsamen Schritt auf Andy zu gemacht hatte: „Mr. Warhol. Vielleicht sollten sie wieder zu ihrer Mama ziehen, wenn sie noch nicht alleine schlafen können.“ Daraufhin drehte er sich um und ging.
  Die Wut kehrte zurück. Andy stürmte aus seiner Wohnung und brüllte dem alten Mann in den Rücken: „Sie verschissener, alter Wichser! Ich mach sie fertig!“ Der Alte hob nur seine Hand ohne sich umzudrehen und zeigte Andy vier Finger. „Vier Tage Mr. Warhol. Vier Tage.“
  Andy ballte wieder die Fäuste und lief knallrot an. Er wollte dem Mann hinterherrennen und ihm die Scheiße aus dem Leib prügeln, aber als Mr. Wright die Haustüre des Mehrfamilienhauses öffnete, sah Andy einen anderen Mann draussen stehen, der gerade die Namen auf den Klingelschildern absuchte. Wenige Sekunden später klingelte es an abermals in Andys Wohnung.
  „Was wollen sie?“ schrie er, und wollte den Türöffner drücken. Das war aber nicht nötig, da die Haustüre noch nicht ganz geschlossen war. Der Mann trat ein und stand im Treppenhaus. Er sah Andy, der noch in seiner Wohnungstür stand an, und sagte ein wenig unsicher: „Ich will zu Mr. Warhol. Sind sie das?“
  Boris ging es durch Andys Kopf. „Ja, das bin ich“ sagte er, heftig bemüht seine Wut zu unterdrücken. „Bitte warten Sie einen Moment Boris. Ich hatte einen verdammt miesen Tag, und ich bin noch nicht fertig. Fünf Minuten, okay?“
  „Ist vollkommen in Ordnung Mr. Warhol“ antwortete der Russe gelassen. Aber dessen Unterton sprach Bände: Unzuverlässiger Idiot.
  Wenige Minuten später saßen sie zusammen in Boris’ altem, beigefarbenem Saab 900 Turbo und waren unterwegs zu der Ranch. Immernoch regnete es wie aus Kübeln.
  „Beschissenes Wetter heute. Gottseidank du kannst Schlachten in Stall.“ lachte Boris. Andy nickte nur leicht. Ihm war alles egal. Sein bester Freund wollte ihn töten, seine Gitarre war hinüber und obendrein war er seine Wohnung los. Es ging ihm beschissen wie nie zuvor in seinem Leben.
  Auf dem Trans Canada Highway gerieten sie in den Berufsverkehr und standen kurz im Stau. Boris sagte kaum noch etwas, weil Andy aus seiner Sicht offensichtlich nicht sonderlich gesprächig war. Dabei hatte er am Telefon vollkommen anders gewirkt. Naja, so konnte man sich irren. So verbrachten sie fast die kompletten 35 Minuten Fahrt schweigend.
  Als sie an der Ranch ankamen war es bereits fast dunkel.
Gottseidank dachte sich Andy. Viel länger hätte ich diese trübe Suppe von Himmel nicht ertragen können.
  Die Ranch war ein ziemlich grosses, modernes Anwesen mit zahlreichen Glasfassaden. Das beeindruckte Andy, denn er hatte irgendwie mit einer alten Holzhütte gerechnet. Vorallem in Anbetracht der alten Kiste, die sich Auto schimpft.
  „Nicht schlecht, was?“ sagte Boris, als sie neben dem imposanten Haus anhielten.
  „Allerdings, wirklich nicht übel.“ entgegnete Andy ehrlich.
  „Ich zeige ihnen erstmal Haus, kommen sie.“ Boris verliess den Wagen und eilte wegen des strömenden Regens zur massiven Wohnungstür, die aus irgendeinem hochwertigen Holz gemacht und mit prächtigen Schnitzereien verziert war. Andy stieg ebenfalls aus und folgte ihm. Boris zückte eine Plastikkarte aus seinem Portemonnaie und zog sie durch den Schlitz eines Lesegeräts, das neben der Eingangstüre hing. Daraufhin piepte es kurz, ein grünes Licht leuchtete auf und Boris öffnete die Tür.
  „Kommen sie herein“ bat er. Als sie drinnen waren verschlug es Andy den Atem. Bewegungsmelder nahmen Kenntnis von ihrer Anwesenheit und langsam erhellte sich – wie als ob man an einem Dimmer drehen würde – das Erdgeschoss des Hauses.
Vom Eingangsbereich aus konnte Andy bereits sehen, dass das Haus sehr geräumig und geschmackvoll eingerichtet war. Viel Stahl und Glas. „Wären sie bitte so freundlich Schuhe auszuziehen, Andy?“
  „Selbstverständlich“ entgegnete er und musste schmunzeln, weil ihm eine ganz ähnliche Situation mit Mike vor kurzem in den Sinn kam.
  Er entledigte sich seiner Fußbekleidung und stellte die Stiefel ordendlich nebeneinander auf eine Schuhablage, die sich an der rechten Wand des kleinen Vorraumes befand, in dem sie sich gerade aufhielten. Dieser Raum diente als Windfang und war durch eine hübsche Milchglastür mit dem Wohnbereich verbunden.
  Boris führte ihn durch die Wohnung. Ein Großteil des Fußbodens war mit handgewebten, persischen Teppichen ausgelegt. Ein weiterer Blickfang war eine kleine, weisse Betonsäule korinthischer Ordnung, auf der sich eine goldene Urne befand. Es war bestimmt echtes Gold.
  „Ist Asche von mein Großvater“ sagte Boris voller Stolz. „Ihm habe ich das alles zu verdanken.“ Andy nickte anerkennend. „Wollen wir nun in Stall? Wird spät sonst.“
  „Ja, ich denke das wäre das Beste“ antwortete Andy.
  „Stall ist hinter Haus. Kommen sie.“ Sie gingen zurück in den Vorraum, zogen ihre Schuhe wieder an und verliessen das Haus. Draussen gingen sie eng an der Hauswand entlang um das Haus herum – so waren sie durch das überragende Dach vor dem Regen geschützt. Etwa fünfzehn Meter hinter Boris prachtvollem Anwesen stand sie nun; die erwartete Holzhütte. „Ist nur für Schweine“ lachte Boris, der scheinbar Andys Gedanken las. Neben der Hütte war ein kleinerer Bau aus Stahl – offenbar ein Kühlhaus.
  Sie eilten zur Hütte und Boris schob den schweren Holzriegel, der die Tür verschloss beiseite. Schon von draussen konnte Andy mehrere Schweine grunzen und quieken hören. Ihm wurde mulmig. Boris öffnete die Tür und deutete Andy ihm hineinzufolgen. Von innen sah die Hütte etwas moderner aus, als von aussen. An der Decke befand sich ein Schienensystem, an dem sich mehrere Flaschenzüge befanden. Die Flaschenzüge waren bestückt mit sauberen Ketten, an denen Fleischerhaken befestigt waren. Andy konnte kein Blut an ihnen erkennen. Links stand ein kleiner Tisch aus Stahlblech, auf dem sich diverse Messer und ein Bolzenschussgerät – so vermutete Andy zumindest – lagen.
  Die gesamte Hütte war mit Stroh ausgelegt und die Tiere konnten sie frei bewegen. Jetzt erst bemerkte Andy, dass es hier drin ziemlich stank.
  „Also.“ begann Boris. „Ist einfache Sache. Zuerst nimmst du Bolzenschussgerät von dort drüben.“ er deutete zum Blechtisch. „Dann suchst du dir Schwein aus und hälst es fest. Das ist schwierigste Teil, aber du bist ja kräftig. Wenn du Schwein ruhig hast, platzierrst du Schussgerät zwei Finger über Augen von Schwein und drückst ab.“ Andy überlegte sich, ob es wirklich eine gute Idee war hier zu sein. Der Russe fuhr fort: „Ist schmerzlos. Bolzen schiesst direkt in Hirn von Schwein. Tier ist auf der Stelle tot. Musst aber auf andere Tiere aufpassen – die könnten panisch werden.“ Boris hustete kurz. „Egal. Dann nimmst du ein Stück Seil, das auch auf Tisch liegt und bindest Hinterläufe zusammen. An denen hängst du Schwein dann an Häken auf und schneidest mit Messer Kehle durch.“ Er fuhr sich mit dem Daumen der rechten Hand über die eigene Kehle um zu demonstrieren, was er meinte. „Am besten gehst du in Deckung, dass du nicht mit Blut vollgespritzt wirst. Das machst du mit alle fünf Schweine. Danach bist du fertig für heute. Den Rest mache ich. Fragen?“
  „Nein, alles klar. Ich mach das schon.“
  „Gut, ich bin drüben in Haus. Hol mich, wenn du Hilfe brauchst. Die Haustüre lass ich offen. Okay?“
  „Okay, mach ich. Danke Boris.“


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