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Meersalz!
Nog’Shur schlug die Augen auf und sprang aus seinem Bett. Er klatschte sich mit der flachen Hand auf die Stirn und gab leise ein Seufzen der Erleichterung von sich. Meersalz. Er konnte nicht fassen, dass er nicht schon viel früher darauf gekommen war. Händereibend und voller Vorfreude hastete er barfuß durch sein imposantes Schlafgemach und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Ein kleiner, unscheinbarer Gedanke der sich in der gemütlichen Schlafphase kurz vor dem Aufwachen in den Vordergrund gedrängt hatte, setzte eine gewaltige Lawine an Gedankengängen und Assoziationen in Gang. Meersalz. Das war die Lösung.
Vor zwei Tagen wurde Nog’Shur bewusst, dass sein Problem nicht in der übernatürlichen Stärke seines Giftes lag, sondern in dessen Geruch. Er hatte einen Tropfen Taxurextrakt in einen kleinen Blechtrog voll Eintopf gemischt. Diesen wollte er irgendwo an einem Wegrand in der Nähe von Morus’Lar platzieren. Irgendwann würde schon ein Opfer vorbeikommen, das dumm genug war, sich über den Eintopf herzumachen. Er würde sich irgendwo verstecken und sein menschliches Versuchsobjekt dabei beobachten wie es vermutlich sehr schmerzhaft und blutig verenden würde. Diesen Plan konnte er jedoch sofort wieder verwerfen, denn Taxurextrakt verwendete andere organische Stoffe scheinbar als Verstärker. Nur wenige Sekunden, nachdem Nog’Shur den Tropfen Gift unter den Eintopf gemischt hatte, breitete sich ein dermaßen stechender Ammoniakgeruch aus, dass er gleich in zweierlei Hinsicht um sein Leben fürchten musste: Zum einen schnürte ihm der bestialisch beissende Gestank die Kehle zu. Ihm schossen brennende Tränen in die Augen und er konnte nur noch röchelnd nach Luft japsen. Zum anderen war es durchaus möglich, dass andere den intensiven Geruch wahrnamen. Stalik vielleicht. Womöglich sogar Abedabt selbst. Sein Verrat würde auffliegen und er wollte – nein – er konnte sich nicht ausmalen, was dann mit ihm geschehen würde. Aber er hatte Glück. Weder erstickte er, noch nahm jemand Kenntnis von diesem kleinen Unfall, denn diese beissende Wolke aus Ammoniak verflüchtigte sich sehr schnell. Aber ihm wurde klar, dass er unmöglich Lebensmittel mit Taxurextrakt versetzen konnte. Niemals würde er irgendjemanden damit töten können, so lange er den verdammten Geruch nicht beseitigen konnte. Nichtmal ein vollkommen hirnloser Idiot würde etwas essen, das mit Taxurextrakt vergiftet war. Er grübelte lange und intensiv darüber nach, aber es wollte ihm einfach keine andere Möglichkeit einfallen Abedabt zur Strecke zu bringen. Es sah ganz danach aus, sich auf den irrsinnigen Plan des Alten verlassen zu müssen. Aber dann dieser Gedanke. Meersalz.
Er konnte sich bei weitem nicht mehr an alles aus seinem früheren Leben erinnern – dafür war er schon zu lange hier – aber er wusste sehr wohl noch, wie Meersalz gewonnen wurde. Sein Vater hatte es ihm erklärt, als er noch ein Kind war. An der Algarve, der südlichsten Region Portugals beispielsweise, wurde Meerwasser in spezielle Teiche, so genannte Meerwassersalinen umgeleitet um dort in der trockenen Hitze zu verdunsten. Zurück blieb reines Salz. Natürlich war der Vorgang im Detail etwas komplizierter, aber für sein Vorhaben war das egal.
Ich werde Taxurgift in Pulverform herstellen, und zwar auf die Selbe Art und Weise, dachte er sich. Er wagte es niemals seine konspirativen Gedanken laut auszusprechen. Gott mochte wissen, was Abedabt alles hören oder sehen konnte, Nog’Shur aber nicht. Er kraulte sein Kinn mit der rechten Hand, wie er es immer tat, wenn er angestrengt über etwas nachdachte. Wenn ich Glück habe, verdunsten zusammen mit dem Wasser im Extrakt die Geruchsstoffe, so dass reines, kristallines Gift zurückbleibt. Das wäre die Lösung.
Hastig schlüpfte er in seine weisse Leinenrobe, die er tagsüber immer trug. Der Rückenteil der Robe war geschmückt mit Abedabts Wappen: Ein roter Drache, der in seinen Pranken ein Kreuz hielt und es über dem Kopf in zwei Teile zerbrach. Das Kreuz erinnerte – nicht zufällig, so vermutete er – sehr an das in jeder katholischen Kirche angebrachte Kruzifix. Der Saum an den Ärmeln und der Unterseite seiner Robe war ebenfalls rot. Nog’Shur hätte zwar einen prächtigen, schwarzen Harnisch haben können, wie auch Stalik einen hatte, aber er war der Meinung, eine Robe passe besser zu ihm und seinem Gemüt. Ausserdem war er ziemlich klein und übergewichtig. In einem Harnisch würde er bestimmt lächerlich aussehen.
Schwungvoll griff er nach seiner ledernen Umhängetasche, die er ebenfalls stets bei sich trug, warf sie sich über die Schulter und schlenderte zu der wuchtigen Eichenholztür seines Gemachs. Er lebte gut, immerhin war er Staliks Adjutant, welcher wiederum direkt Abedabt unterstand. Somit spielte Nog’Shur bei den Großen mit, und er spielte gut. Längst schon wäre er beseitigt worden, wenn irgendjemand etwas von seinem Komplott geahnt hätte.
Die Phiolen mit dem Taxurextrakt hatte er nicht in Abedabts Schloss aufbewahrt. Da er heute aber ohnehin das Schloss verlassen musste um die Neuankömmlinge in Empfang zu nehmen, würde ein kleiner Umweg zu seiner Experimentierhöhle, in deren schützender Dunkelheit er in einer Felsspalte sieben Phiolen versteckt hatte, niemandem auffallen. Heute war zwar der Tag, an dem der Erlöser des Alten aufkreuzen sollte, aber er war sich sicher, dass so etwas wie ein Erlöser nicht mehr nötig war. Meersalz. Wieder seufzte er kurz mit einem Lächeln, schüttelte amüsiert den Kopf, öffnete die Tür und machte sich auf den Weg.
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Pingback von Kapitel I – Erwachen (12 – Der Letzte Tag III) « Taheen schreibt — November 17, 2010 @ 2:23 pm |